Manuel Schuens VIVE LA FRANCE!

Deutsch-französische Klänge prägten Manuel Schuens MUSIK AM MITTAG zum Abschluss des ORGEL.SOMMERs im Linzer Mariendom. Der Kirchenmusiker an der Michaelerkirche in Wien stattete der Rudigierorgel damit nach dem Jahr 2016 seinen zweiten Besuch im Rahmen der Reihe MUSIK AM MITTAG ab.
Georg Muffat und sein „Apparatus musico-organisticus“
Mit Georg Muffats (1653–1704) Toccata octava aus dessen Sammlung „Apparatus musico-organisticus“ eröffnete der Südtiroler Manuel Schuen seine MUSIK AM MITTAG. Beim „Apparatus musico-organisticus“ handelt es sich nach dem „Armonico Tributo“ (1682) um das zweite Werk des gebürtig aus Megève (Savyoyen) stammenden, aber sich selbst als Deutschen betrachtenden Komponisten, das 1690 im Druck bei Johann Baptist Mayr in Salzburg erschien. Gewidmet ist das Werk Kaiser Leopold I., es wurde dem Monarchen – so verrät eine handschriftliche Eintragung am Ende der lateinischen Vorrede – auch vom Komponisten selbst in Augsburg überreicht. Den Grundstock des sich schnell verbreitenden und in der Orgelwelt äußerst beliebten Werks bilden zwölf Toccaten, von denen die ersten acht nach Kirchentonarten angeordnet sind. Am Ende der Toccata octava ist vermerkt: „Dii laboribus omnia vendunt“. Damit spielte Muffat wohl auch auf den pädagogischen Charakter des Werkes an. Daneben verfolgt der „Apparatus musico-organisticus“ auch künstlerisch-ästhetische Zwecke, wie das Vorwort bestätigt: „In dieser ersten Edition seynd zwölf Musikalische Stücke oder lange Toccaten (wie man redet) enthalten zu derer Music-liebenden sonderbaren Ergötzlichkeit und reichlichen Übung in dieser Kunst auf neue Art zierlich eingerichtet.“[1] Und Michael Radulescu witterte schließlich aufgrund der Gestaltung der Sammlung eine dritte Zweckbestimmung – nämlich eine liturgische.[2]
François Couperin und seine „Messe à l'usage ordinaire des Paroisses pour les Festes Solemnelles“
Ausschnitte aus dem Gloria von François Couperins (1668–1733) „Messe à l'usage ordinaire des Paroisses pour les Festes Solemnelles“ schlossen an Muffats Toccata an. Schuen, den besonders Couperins französische Eleganz fasziniert, wie er im ORGEL.SOMMER-Interview verriet, musizierte die Teile „Et in terra pax (Plein Jeu)“ (1), „Benedicimus Te (Petitte fugue sur le Chromhorne)“ (2), „Domine Deus, Rex coelestis (Dialogue sur les jeux de Trompettes, Clairons et Tierces du G.C. et le Bourdon avec le Larigot du Positif)“ (4), „Qui tollis peccata mundi, suscipe (Tierce en taille)“ (6) und „Amen (Dialogue sur les Grands Jeux)“ (9).
François Couperin (1668–1733): Messe à l'usage ordinaire des Paroisses pour les Festes Solemnelles – Gloria – 6. Qui tollis peccata mundi, suscipe (Tierce en taille) | Rudigierorgel: Manuel Schuen
Veröffentlicht wurde die Orgelmesse – wie auch die „Messe propre pour les Convents de Religieux et Religieuses“ – im Jahr 1690. Komponiert hatte Couperin diese bereits ein Jahr zuvor im Alter von 21 Jahren, 1690 erhielt er schließlich ein königliches Privileg, das ihm erlaubte, handschriftliche Kopien seiner aus den beiden Messen bestehenden „Pièces d’orgue“ zu veröffentlichen. Seine „Messe à l'usage ordinaire des Paroisses pour les Festes Solemnelles“, kurz auch „Messe des paroisses“ genannt, war bestimmt für die Aufführung in Gemeindekirchen an hohen Festtagen, seine „Messe propre pour les Convents de Religieux et Religieuses“, ebenfalls verkürzt als „Messe pour les convents“ bezeichnet, für Klöster. Violinist und Organist Michel-Richard Delalande (Lalande) soll sich lobend über das Werk seines Schützlings geäußert haben: „Ich bescheinige hiermit, dass ich die gegenwärtigen Stücke für die Orgel des Sieur Couperin examiniret habe ... diese als sehr fein ansehe und für wert befinde, an die Öffentlichkeit gegeben zu werden.“[3]
Aufgrund ihrer meisterhaften Ausarbeitung und des fantastisch angewandten musikalischen Handwerks war für viele damals unvorstellbar, dass die Werke aus der Feder eines so jungen Komponisten stammen und so schrieben sie die Messen dem gleichnamigen Onkel des Komponisten zu. Inzwischen ist aber eindeutig belegt, dass die Werke von Couperin „Le Grand“, wie er heute genannt wird, stammen. Mit seinen beiden Messen, die jeweils aus 21 Stücken in der Ordnung Kyrie (5) – Gloria (9) – Offertorium (1) – Sanctus (2) – Benedictus (1) – Agnus Dei (2) – Deo Gratias (1) bestehen, setzte Couperin die musikalische Tradition der Orgelmesse fort, modernisierte und entwickelte sie weiter. Damit gilt das geniale Erstlingswerk als bahnbrechend und wegweisend für die nachfolgende französische Orgelmusik. Couperin sah – wie auch seine Zeitgenossen – in der Orgel ein Instrument, das eine Gemeinschaft im Himmel und auf Erden verkörpert. Diese himmlisch-irdische Verbindung vermittelte auch Schuen mit seiner Interpretation auf der Rudigierorgel.
Johann Sebastian Bach und sein „G-Dur“
Mit Johann Sebastian Bachs (1685–1750) Präludium und Fuge G-Dur, BWV 541, beschloss der an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien unterrichtende Schuen seine MUSIK AM MITTAG. Bei diesem Werk – unter Organistinnen und Organisten gerne als „das G-Dur“ bezeichnet – handelt es sich um eines der bekanntesten und meistgespielten Orgelwerke des Komponisten. Und das verwundert nicht: Während sich das Präludium fröhlich, mitreißend und überschwänglich präsentiert, zeigt sich die vielschichtige Fuge voll heiterem Ernst. Damit nimmt Bachs Musik – wie auch Schuens MUSIK AM MITTAG im Mariendom Linz wieder bewies – jeden Zuhörer und jede Zuhörerin sofort für sich ein. Das wohl in Bachs Leipziger Jahren entstandene Werk überzeugt mit seiner geschmeidigen, virtuosen, erfindungsreichen, fantasievollen und souveränen Anlage, ebenso wie auch Schuen mit seiner musikalischen Interpretation überzeugte. Und das verriet nicht nur der lautstarke Applaus am Ende der MUSIK AM MITTAG …
Anmerkungen:
[1] Wagner, Karl Friedrich (1979) (Hrsg.): Georg Muffat: Apparatus musico-organisticus. Faksimileausgabe nach dem Druck von 1690 (= Dokumente zur Aufführungspraxis alter Musik 1). Innsbruck: Helbling. S. II.
[2] Radulescu, Michael (1989): Zu Georg Muffats „APPARATUS MUSICO-ORGANISTICUS“. In: Michael Radulescu: Georg Muffat (1653–1704): Apparatus musico-organisticus 1690. (Booklet zur gleichnamigen CD). S. 6f.
[3] Zit. nach: Hehl, Helmut (2017): François Couperin („Le Grand“): Zwei Orgelmessen. URL: http://blog.hehl-rhoen.de/francois-couperin-2-orgelmessen/ [Stand: 09/2019]
Stefanie Petelin
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